Henrik und die Herrin: Hermann Peter Piwitt: „Erbarmen“ (2012)

Mit „Erbarmen“ öffnete Hermann Peter Piwitt den Blick auf seine Poetik

Für seine Novelle „Erbarmen“ hatte sich Hermann Peter Piwitt erstmals für eine weibliche Protagonistin als Erzählerin entschieden. Sowohl dem Verlag als auch der Kritik waren dies bei Erscheinen des Buches gesonderte Hinweise wert. Doch bildet das schmale Buch aus dem Jahre 2012 nun einen Fremdkörper im Oeuvre des Autors? Ganz im Gegenteil: Mit dem Prosastück „Erbarmen“ brachte Hermann Peter Piwitt seine ganze Poetik auf den Punkt.

„Herr unserer Sinne“: Zum Kleidertausch in „Erbarmen“

„Erbarmen“ erzählt von einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte, die etwa ein Jahr lang zwischen der Ich-Erzählerin und dem Schriftsteller Henrik bestanden hatte. Dass sich hier zwei völlig verschiedene Charaktertypen gegenüberstehen, versinnbildlicht eine ungewöhnliche Aktion zu Beginn. Beide fahren beim Kennenlernen in ein abgelegenes Waldstück und begehen einen „symbolisch aufgeladenen“ (Deutschlandradiokultur) Kleidertausch.

Als sich die beiden die Kleidung zuwerfen und die Erzählerin die Hose ihres männlichen Gegenübers auf den Boden fallen lässt, hält sie lakonisch fest: „Mit den Stöckeln trat ich den Saum in den Schmutz“ (S. 15). Worum es in dieser Szene geht, ist klar: Im Wechsel der Bekleidung übernimmt die Erzählerin die männlich-dominante Rolle und wird zur Herrin von Henrik.

Doch nicht nur das Verhältnis der beiden Figuren ist damit bestimmt. Fällt der Begriff der Herrin, dann lässt sich kaum daran vorbeisehen, dass deutsche Autoren während des Mittelalters über Jahrhunderte hinweg im Dienste einer Herrin, einer ‚vrouwe‘, geschrieben haben. Der Clou von „Erbarmen“ kann folglich darin gesehen werden, dass diese Frau oder Herrin – gewissermaßen die Literatur selbst – hier zu Wort kommt: In diesem Sinne wird die Erzählerin gleichfalls zur Herrin der Worte. Damit wiederum ist erstens der poetologische Ort der Novelle bezeichnet.

Zweitens kehrt sich im Kleidertausch auch das Wechselverhältnis von Leser und Literatur um. Die vrouwe der Novelle wechselt aus einer passiven Rolle – die Analogie hierzu wäre im hinnehmenden Leseakt zu sehen – in die aktive Rolle der Erzählerin. Ein Wechsel, der Vorbildfunktion für den Leser gewinnen soll. Denn eine wache und aktive Rolle des Bürgers in der deutschen Gesellschaft, dies hatte Hermann Peter Piwitt schon in Essays der 1970er Jahre gefordert. Die Formel hierzu lautete, „Herr unserer Sinne“ und über unser waches Bewusstseinsleben zu werden.

Arm werden an Bildern: Das Unbewusste und das Bewusstsein

Die aufgefächerten Bedeutungsebenen des Kleidertausches bilden nur den Auftakt zur poetologischen Deutung von „Erbarmen“. Das entscheidende Wechselverhältnis kommt im bipolaren Modell von Unbewusstem und Bewusstsein zum Vorschein. In diesem Sinne entwickeln die beiden Kontrastfiguren Henrik und die Herrin ihre ganze Symbolkraft.

Den Anhaltspunkt für diese Deutung liefert eine wörtliche Interpretation des Titels der Novelle „Erbarmen“. Der Wortstamm von ‚erbarmen‘ geht auf das lateinische ‚miser‘ zurück, das bekanntlich so viel wie ‚arm‘ bedeutet. Darüber hinaus war im Deutschen in früherer Zeit das Verb ‚armen‘ gebräuchlich, das die Bedeutung ‚arm werden’ hatte. Der Begriff ‚Armwerden‘ wiederum fügt sich mühelos ein in das Schema eines umgekehrten Herrschaftsverhältnisses in Piwitts Novelle, sofern Armwerden als Reduktion der Dominanz des Bewussten gelesen wird.

Genau diesen Vorgang eines produktiven Armwerdens hat die Erzählerin hinter sich. „Das Haus ist ruhig. Und auch ich bin ruhig jetzt. Ich habe gelernt, den Kopf ganz zu leeren. […] Alle lästigen Gedanken wie auf einen fernen Horizont zu entrücken“ (S. 8). ‚Entrücken‘ ist kulturgeschichtlich von der Mystik bis zur Moderne ein Zentralwort des Bilderverlustes. Und wenn die Erzählerin im Urlaub an einem „ungeheuer klaren menschenleeren riesigen Strand“ in Anbetracht der Naturlandschaft mit „allen fünf Sinnen die sonnentrunkene Erde“ atmet und anschließend dieses „Bild losließ und wieder hinaufstieg zur Sonnenterrasse“ (S. 39), dann liest sich das wie eine Epiphanie, bei der die Erzählerin gleichsam über die Bilderwelt hinaussteigt.

Gegenfiguren zum Modell des Armwerdens als Bewusstwerden liefert die Novelle neben Henrik auch mit Rike, einer Freundin der Erzählerin. Henrik und Rike führen mit dem Wort ‚reich‘ eine quantitative Bezugsgröße in ihrem Namen. Und tatsächlich schreibt Henrik als Autor dicke, d. h. wortreiche Romane. Rike, die sich vor Geld kaum retten kann, ist im finanziellen Sinne reich. Typisch ist für beide Figuren: Für Henrik und Rike haben Bilder der Außenwelt eine handlungsleitende Funktion. Henrik etwa beginnt beim Anblick einer Fotografie seine weit zurückliegenden Kindheitserinnerungen auszubreiten, die sich die Erzählerin eher aus Freundlichkeit anhört. Rike unternimmt eine Reise nach Amerika, um sich dort auf die Suche nach einer kleinen Skulptur zu machen, die sie zuhause angekommen wie einen Fetisch behandelt.

Armwerden meint den Prozess des Bilderaufstieges über eine Schwelle, die das Nichtbewusste vom Bewusstsein trennt. Henrik und Rike bleiben allein der Sphäre des Bewussten verhaftet. Die Erzählerin hingegen kennt beide Seiten. Sie schöpft ihre Vorstellungswelt aus der Sphäre des Nichtbewussten und wird deshalb zur Herrin über ihre Sinne – oder altväterlich ausgedrückt: sie wird ein ganzer Mensch.

Größe geht durchs Nadelöhr: Zur Poetik der kurzen Form bei Hermann Peter Piwitt

Um die Problematik des Bewusstwerdens näher zu kennzeichnen, lässt sich auch die Metapher des Wachwerdens strapazieren. Henrik hängt bis zum Schluss seinen Traumbildern nach und wird nicht wirklich wach, ja, er stirbt am Ende der Novelle. Ein weiterer Symbolbereich erschließt sich mit dem Garten, jenem begrenzten Bereich, dem sich Henrik im Handlungsverlauf widmet. Die Erzählerin hingegen ist dem unbegrenzten Bereich der Natur zuzuordnen.

Die Naturmetaphorik bildet in der Novelle „Erbarmen“ den Schlussakzent. Übernimmt das Unbewusste, d. h. die Natur des Menschen, die dominante Rolle über das Bewusstsein, werden wir ganze Menschen. Und so, wie in der vegetativen Sphäre Pflanzen durch Schneiden und Kürzen zum Wachsen und Blühen gebracht werden können, regen uns kurze und pointierte literarische Texte zu Bildern an, die spontan in uns aufsteigen.

Reflexe dieser poetologischen Überlegungen sind auf der Inhaltsebene sichtbar. Als die weibliche Protagonistin die Geschichte zu erzählen beginnt, hatte sie die Hortensien an ihrem Haus „tief heruntergeschnitten, und sie waren darüber schöner und reicher aufgeblüht“ (S. 5). Und der Deutschlandfunk wiederum hatte zum gesamten Buch bemerkt: „Piwitt erweist sich in der Novelle als ein Meister der stilistischen Reduktion“. Tatsächlich: Wie bei einer Pflanze schnitt der Stilist Piwitt auf den Buchseiten seiner Novelle „Erbarmen“ literarisches Erzählen herunter – die Natur des Menschen möge daran erblühen.

 

Der vollständige Artikel erschien in: Kritische Ausgabe. Zeitschrift für Germanistik und Literatur, Nr. 31 (2016), S. 80–84.

Beim hier wiedergegebenen Text handelt es sich um eine stark gekürzte Version. Sie wurde nun noch einmal behutsam überarbeitet: Hermann Peter Piwitt verstarb am 15. Januar 2026.