Andreas Urban: Du bist in Russland auf die Welt gekommen. Deswegen die spannende Frage: Wann kamst du mit Deutsch in Berührung und welche Bedeutung hat diese Sprache, in der du heute schreibst, für dich?
Kristina Schilke: Ja, genau – ich bin in Russland geboren und in Tscheljabinsk in einer Familie von Russlanddeutschen aufgewachsen. Auswandern und nach Deutschland gehen – das gehörte immer fest zur Vorstellung unserer Zukunft. Die Frage war nicht „ob“, sondern eher „wann“ wir auswandern. Schilke ist der Mädchenname meiner Mutter. Meine Eltern hatten sogar extra mit meiner Einschulung gewartet, weil immer die Hoffnung bestand, dass doch noch das Visum für die Ausreise nach Deutschland kommt – und das kam dann auch.
In Deutschland wurde ich dann in der Grundschule einfach in die erste Klasse hineingeworfen. Meine Eltern hatten mir schon früh das lateinische Alphabet beigebracht und mit mir gelesen, weil sie bereits darauf spekuliert hatten, dass ich sowieso nicht mehr in Russland zur Schule gehen würde. Ich habe sehr viel mit meiner Großmutter mütterlicherseits zu tun gehabt, die auch immer wieder deutsche Ausdrücke gebraucht hatte. Ich kann mich nicht an das Lernen der Sprache erinnern. Es war, als wäre das Deutsch bereits da gewesen.
Es gibt ja Leute, die mathematisch begabt sind. Die sind dann in Mathematik und in den Naturwissenschaften stark und in den Sprachen eher schwächer. Bei mir war es umgekehrt. Deutsch und Englisch waren meine Lieblingsfächer. Mathematik, Physik und Chemie waren eine Katastrophe.
Ja, ich schreibe nur auf Deutsch und ich hatte nicht mal als Kind den Versuch unternommen, auf Russisch zu schreiben. Deutsch ist die Sprache für mich. Ich finde sie auch schön. Ich denke auch in Deutsch und sie ist – wie soll ich sagen – Heimat für mich. Aber Heimat hat ja gerade in Deutschland schnell so einen fragwürdigen Klang. Aber trotzdem nehme ich sie als meine Heimat wahr. Russisch spreche ich zwar immer noch, und ich achte auch darauf, dass mein Sohn zweisprachig aufwächst. Das Russische ist mir aber fast zu nah, als dass ich sprachliche Details erkennen könnte. Denn ich möchte nun mal wissen: Wie klingt eine Formulierung? Klingt sie weich? Klingt sie hart? Im Deutschen erkenne ich die Klangformen von Ausdrücken, die schön sind, viel besser bzw. kann ich sie besser beschreiben.

Andreas Urban: In einem Interview zum Roman „Alles was lebt“ sagtest du, du hättest dir das Schweben in deinem Leben schon häufiger imaginiert. In welchem Verhältnis stehen für dich Leben und Literatur? Oder anders: Wie kamst du zum Schreiben und warum schreibst du?
Kristina Schilke: Ich schreibe ungefähr, seitdem ich 16 oder 17 bin. Angefangen habe ich als lupenreine Amateurin – Amateurin deswegen, weil ich meine ersten Erzählungen nie geändert und überarbeitet hatte. Und das ist ja der große Unterschied: Bringt man die Bereitschaft mit, Texte zu überarbeiten oder nicht? Jetzt, als Autorin, überarbeite ich haufenweise. Es entstehen so viele Schichten an Textversionen!
Als ich noch aufs Gymnasium ging und Abitur machte, konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, irgendein Fach zu studieren oder in einem Vorlesungssaal zu sitzen, wo ich aufmerksam zuhöre und auf eine klassische Art etwas lerne. Das Gymnasium in Grafenau ist kein schlechtes Gymnasium und hat mir viel gebracht. Aber alles Akademische war mir immer fremd.
Dann hatte ich mit 19 – das war in meinem letzten Abiturjahr – einen Literaturwettbewerb gewonnen. Das verlieh mir das nötige Selbstbewusstsein, um mich am Literaturinstitut Leipzig zu bewerben. Ich hatte keinen Plan B. Ich hatte keine Alternative. Ich wusste nicht, wie hoch die Anzahl an Bewerbungen war und wie viele Plätze vergeben wurden. Umso glücklicher war ich, als ich schließlich angenommen wurde. Es hatte auf Anhieb geklappt.
Ich glaube, die Zeit am Literaturinstitut ist für die meisten auch deswegen wichtig, weil man dann sieht, ob man das wirklich machen will, ob man wirklich schreiben will. Bei mir wurde es immer ernster mit dem Wunsch zu schreiben.
Andreas Urban: Inwiefern hat das Literaturinstitut dein Schreiben verändert? Creative Writing war lange unbekannt in Deutschland und setzte sich erst allmählich durch. Du warst auch Storylinerin für „Verbotene Liebe“. War das eine gute Schule fürs Konzipieren von Handlungsverläufen?
Kristina Schilke: Ich habe die Zeit am Literatur-Institut geliebt. Auch wenn man manchmal mit Anfang 20 persönlich schwierige Zeiten erlebt. Ich liebe das Institut noch immer. Wann immer ich kann, gehe ich zu Veranstaltungen wie Weihnachtsfeiern oder Sommerfest. Das bleibt für viele, die abgeschlossen haben, ein fester Bezugspunkt im Leben.
Es ist wirklich schwierig zu beschreiben, welche Wirkung ein künstlerischer Studiengang letztendlich hat. Aber zwei Sachen kann ich sagen: Das eine ist die narzisstische Kränkung, die es einem zufügt, und das andere ist das Überarbeiten von Manuskripten.
Die narzisstische Kränkung erfährt jeder. Wer dort ankommt, wähnt sich auf einem Höhenflug: Man hat sich mit der Bewerbung durchgesetzt und hat etwas auf der Habenseite. Man hat es geschafft, man hält sich für gut. Aber das wird einem in den Textseminaren erst einmal genommen, weil alles seziert wird, was in einem Text nicht gut ist oder was an der Wortwahl falsch ist.
Es wird sehr viel über Sprache nachgedacht. Das Institut ist berühmt und berüchtigt dafür, dass man im ersten Jahr eigentlich gar nicht mehr schreiben kann. Man ist wie paralysiert von all den Eindrücken, was mit den eigenen Texten denn nicht stimme. Und das ist sehr gut! Es ist nicht leicht, aber im Endeffekt ist es wirklich gut, streng zum eigenen Werk zu sein. Und das sollte kein einmaliges Erlebnis bleiben. Die Strenge zum eigenen Werk sollte man sich erhalten. Jetzt im Moment bin ich wieder in einer Phase, in der ich erneut sehr streng zu meinem eigenen Werk bin. Und das andere, was man lernt, ist die Fähigkeit, Texte zu überarbeiten.
Ein wichtiges Seminar wurde vom Autor Jens Sparschuh geleitet. Es handelte sich um das Kürzungsseminar. Dort hieß es grundsätzlich: „Kürz noch mal die Hälfte von deinem Text.“ Egal, welchen Text man präsentiert hatte. Immer einfach die Hälfte kürzen. Das zum Beispiel war solch eine berühmt-berüchtigte Sache. Auch das Nachdenken über Wörter, über ihre genaue Bedeutung. Früher war ich ein Fan von Adjektiven. Ich hatte wie Thomas Mann Adjektive aneinandergereiht – nur er konnte es, ich nicht. Viele meiner Adjektive waren ungenau oder unnötig. Ich verwende heute noch gerne Adjektive und gehöre nicht zu denen, die sie komplett streichen wollen. Ich liebe sie nach wie vor. Aber man muss sie zu benutzen wissen.
Andreas Urban: Der Name Thomas Mann ruft die Frage nach deinen literarischen Vorbildern auf den Plan. Gibt es welche?
Kristina Schilke: Ja, klar! Die gibt es. Von Thomas Mann stammt einer meiner Lieblingsromane: „Der Zauberberg“. Und ich habe schon immer ein Faible für die Amerikaner gehabt. Ich liebe J. D. Salinger, Raymond Carver oder John Cheever, der mir wirklich nah ist. Flannery O’Connor schafft mich manchmal, aber ihre Erzählungen sind zum Teil auch unglaublich. Von den jüngeren Autoren wäre noch Elizabeth Strout zu nennen.
Neulich habe ich die Erzählungen von Patricia Highsmith für mich entdeckt. Die amerikanische Literatur war immer mein Ding. Ich glaube, ich mag dieses Zwischending aus nicht zu verkopft einerseits und dem Verzicht auf übertriebene Action andererseits. Wenn zu viele geistige Kapriolen im Text stecken wie bei Thomas Bernhard zum Beispiel steige ich relativ früh aus.

Andreas Urban: In deinem Roman „Alles was lebt“ fiel mir die Poetik des genauen Blicks auf. „Knäckebrot – zu alt, um noch zu knacken“ heißt es dort zum Beispiel. Dein Buch ist sehr sinnlich und konkret. Gleichzeitig aber – und das ist dieser Magische Realismus – verweisen Spuren und Zeichen immer auf etwas Abwesendes. Oder da ist das Schweben, das nicht dem Gesetz der Schwerkraft folgt. Die Verbindung von Realismus und Idealismus hat mich persönlich an die altniederländische Malerei erinnert, wo sich Details aus dem Alltag ins Religiöse, Psychologische oder Spirituelle weiten. Wie siehst du die Verbindung von Realismus und Idealismus?
Kristina Schilke: Ein sinnlich genaues Beschreiben ist mir wichtig. Wenn man sich Filme oder Serien anschaut – da bleibt oft eine gewisse Fahlheit zurück, denn man weiß: Es ist sowieso alles nicht echt. Oder es lässt sich kein Gespür für die Geschichte entwickeln. Doch genau dies in der Literatur zu tun, liebe ich: nämlich alle Sinneseindrücke anzusprechen. Ich versuche immer so zu schreiben, wie ich es selbst gern als Leserin oder Kinogängerin lieben würde.
Zu meinen schönsten Lektüreerlebnissen gehört bei „Dubliner“, der Erzählsammlung von James Joyce, die Stelle, an der eine Person in einen Pub geht und sich einen Teller gekochte, dampfende Erbsen mit Pfeffer und Essig sowie ein Guinness bestellt. Da wird Literatur zur Zeitmaschine! Besser geht es nicht. Dadurch weiß ich, wie man zu Beginn des 20. Jahrhundert in Irland gegessen hat.
Das habe ich schon immer geliebt, dieses sinnlich genaue Beschreiben in literarischen Texten – zum Beispiel von Gerichten. Und das stimmt, dass das Schweben natürlich nicht in der realen Welt stattfindet. Ich hatte immer wieder in Erzählungen, die zum Teil nicht veröffentlicht wurden, mit irrealen Vorgängen gespielt. Das ist nicht neu in meinem Werk.
Dann aber habe ich von Kurt Vonnegut „Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug“ gelesen, das ich absolut großartig finde. Es geht um die simultanen Erlebnisse eines Soldaten, der die Bombardierung von Dresden überlebt und von Aliens auf einen fremden Planeten entführt wird. Der Entführte nimmt die Zeit nicht linear wahr wie wir, sondern springt wild von einem Lebensabschnitt zum nächsten.
Ich las das und für mich war das etwas Ganzes und in sich stimmig. Ich fragte mich, warum muss ein Text eigentlich so dröge sein? Warum muss man nur realistisch oder nur magisch oder nur idealistisch erzählen? Warum kann es nicht sein wie hier? Die harte Realität der Bombardierung Dresdens steht Seite an Seite mit einer völlig verrückten Entführung durch Aliens. Ich fand es auf eine gute Art wild und es hat mir das Selbstbewusstsein gegeben, es selber auf diese Weise auszuprobieren.
Andreas Urban: Dein Roman beginnt mit dem Tod von Karla Weißhaupts Eltern. Unter diesem Stern stehen die nachfolgenden Erlebnisse der Hauptfigur. Ist „Alles was lebt“ für dich ein Trauerroman?
Kristina Schilke: Eigentlich nicht. Trauerarbeit ist ja eine fast nur innerliche Arbeit. Ein sinnlich konkretes Schreiben, das mir wichtig ist, wäre dann schwierig geworden. Das wäre ein Roman geworden, den ich selbst nicht hätte lesen wollen: zu innerlich und zu wenig von dem, was man von außen beschreiben kann. Wenn ich in eine Geschichte, die ich in mir drin habe und die ich schreiben will, keinen Humor reinbringen kann, das wars dann für die Geschichte.
Es gibt den Ausdruck von Alfred Hitchcock über Gegenstände oder Handlungen, die für eine Story vordergründig eine Rolle spielen, aber tatsächlich nur für den Start der Geschichte wichtig sind: MacGuffin. Wie bei Psycho, als am Anfang Geld gestohlen wird und die gesamte Story dadurch zum Laufen bringt. Aber im Endeffekt geht es ja gar nicht darum. Auf eine ähnliche Art würde ich es hier beschreiben.
Andreas Urban: Mit dem Humor sprichst du einen interessanten Punkt an. Wie kann man sich das konkret vorstellen? Wie bringst du den Humor beim Schreiben in eine Geschichte?
Kristina Schilke: Ich glaube schon, dass ich als Privatmensch einen Sinn für Humor habe – und das ist auch notwendig. Es ist keine Option, keinen Humor zu haben. Mel Brooks sagte einmal: „Lachen ist ein Protestschrei gegen den Tod.“ Ich versuche den Humor, den ich habe, beim Schreiben nicht zu unterdrücken. Bei Dialogen fällt mir das noch am einfachsten. Tatsächlich hatte ich diese Seite früher etwas unterdrückt, weil ich die Angst hatte, nicht ernst genommen zu werden. In der deutschsprachigen Literatur gibt es das Klischee, was witzig ist, könne nicht zugleich tiefgründig sein.
Dabei ist Thomas Mann so ein Scherzkeks! Ich finde ihn so witzig. Es gibt Passagen im Zauberberg oder am Anfang der Buddenbrooks, die sind einfach zum Totlachen. Ich denke, wenn man den Humor von Thomas Mann nicht sieht oder nicht schätzt oder das nicht dem eigenen Humor entspricht, dann sollte man es sein lassen. Denn dann ist es nur eine Adjektivfolge nach der anderen.
Andreas Urban: Der Kaplan ist für mich wie eine Gegenfigur zu Karla. Er fliegt gern und steht für eine nur technische Version der Überwindung der Naturgesetze. Du hast die beiden Erzählstränge am Anfang des Romans eng miteinander verbunden. In meiner Interpretation zeigen sie den Gegensatz von Fliegen und Schweben. In welchem Verhältnis siehst du die beiden Figuren?
Kristina Schilke: Der Kaplan war von mir nicht als bewusste Kontrastfigur angelegt. Ich sehe ihn sehr positiv. Ich persönlich hatte immer sehr gut Erfahrungen mit der katholischen Kirche. In der kleinen Stadt in Niederbayern war die Kirche mit ihrem Religions- und Kommunionsunterricht eine einzige Integrationsmaschinerie für mich. Das war schön. Das Problem, warum der Kaplan Karla nicht helfen kann, ist, dass die Landeskirche sich so weiterentwickelt hat, dass sie sich nicht mehr zuständig fühlt für Erlebnisse, die allem Natürlichen und allem Irdischen widersprechen. Dadurch sitzt Karla zwischen den Stühlen: Sie kann sich nicht von der Kirche helfen lassen, obwohl sie ja dafür zuständig wäre. Karla kann sich aber auch nicht vom Energiemedium und der esoterischen Seite helfen lassen, denn dann wäre es ja gleich aus. Sie hat keine Geduld für diese Seite. Wohin geht man als moderner Mensch mit dem Wunsch nach etwas anderem als den gängigen Erklärungsmustern? Das war für mich die Frage.

Andreas Urban: Kommen wir zum Netz an Figuren, das es in „Alles was lebt“ gibt. Für mich war das ein weit größeres Thema in deinem Buch – größer als das Schweben. Auch wenn es in der Literaturkritik quasi nur darum ging. Doch je weiter ich gelesen habe, desto mehr hatte der Roman für mich den Eindruck gemacht: Moment, da geht es irgendwie um die Menschen und in welchem Zusammenhang sie zueinander stehen. Im Roman herrscht ein Kommen und Gehen, es entspinnt sich eine Geschichte von Leben und Sterben. Das ist der größere Erzählstrang für mich. Die gesamte Verletzlichkeit des Menschen verknüpfst du sehr stark mit einer Fußmetaphorik, die sich wie ein roter Faden durch den gesamten Roman durchzieht. Inwiefern war die Verletzlichkeit des Menschen ein Thema für dich in diesem Roman?
Kristina Schilke: Ja, das war auf jeden Fall ein Thema. Auch die Unklarheit, wie die einzelnen Geschichten verlaufen. Es gibt ja mit Frau Rührlich eine 100-Jährige und auf der anderen Seite eine Person, die mit 25 Jahren mir nichts, dir nichts stirbt. Die Figuren – oder ich spreche eigentlich von Personen, weil sie mir so nah sind – ich denke bei einer Geschichte immer von den Personen aus. Viele sind für mich so klar und ich kenne sie so genau, dass sie sich quasi selbst weiterschreiben. Es ist wie mit dem Einhorn: Im Ursprung ist es ein Pferd, aber es verselbständigt sich zu etwas Eigenem. Ja, es geht um Verletzlichkeit, auch die Verletzlichkeit der Liebe. Es ist ja auch eine Lovestory.
Viele überlesen ja die Stelle, an der Karla und David wieder zusammenkommen. Ich wollte zwar die Verletzlichkeit der Liebe zeigen, aber ich wollte keine Hoffnungslosigkeit. Ich wollte nicht, dass man das liest und dann deprimiert zurückbleibt. Ich mag keine deprimierenden Filme oder Bücher. Das Leben ist zu kurz dafür. Ich lese das selbst nicht gern und will das Lesern nicht antun. Man sieht ja auch, dass es immer auch die Möglichkeit von Veränderung gibt wie bei der Alkoholikerin im Roman und damit die Möglichkeit zu einem positiven Ende.
Andreas Urban: Ein sympathischer Ansatz. Es gibt eine Literatur, die stark auf eine negative Sicht fixiert ist. Oder Menschen, die negative Energien verströmen und nicht die Kraft zur Veränderung aufbringen möchten.
Kristina Schilke: Ja, und solche Leute haben dem, was ihnen begegnet, eigentlich gar nichts entgegenzusetzen. Immer, wenn mir jemand einen Film im Kino vorschlägt, lautet meine erste Frage: Und wie viel Gewalt gibt es? Oder wie negativ ist der Film? Wieso man in einer Welt mit einem Angriffskrieg gegen die Ukraine oder einem Donald Trump, der zum zweiten Mal ins Präsidentenamt gewählt wurde, sich freiwillig mit Katastrophenfilmen beschäftigen sollte – das verstehe ich nicht. Andere Autoren können gut mit depressiven Themen umgehen. Mein Thema ist das nicht.
Andreas Urban: Welche Figur ist deine Lieblingsperson im Roman?
Kristina Schilke: Wahrscheinlich läuft es auf die 100-Jährige hinaus, sie ist mir sehr ans Herz gewachsen … ach, ich liebe einfach so viele von den Personen. Wer sich förmlich eingeschlichen hat in den Roman war eine Person, von der zunächst gar nicht so viele Szenen angedacht waren: der Kollege von Karla, der ein wenig auf sie steht und der so viel abgenommen hat. Der hat sich einfach in den Roman gequetscht. Aber ich muss sagen, ich mag auch David. Und Karla ist ja ein aquired taste. Sie hat nicht nur gute Seiten an sich. Ich muss bei ihr immer an das Lied von James Blake „Limit To Your Love“ denken. Das bezeichnet Karla sehr gut. Aber sie hat auch etwas Integres an sich. Und ich mochte auch sehr die Alkoholikerin. Es hatte sehr viel Freude bereitet, sie zu schreiben.
Andreas Urban: Ich persönlich fand noch die Entführerin von Karla sehr lustig, weil sie so etwas Verrücktes hatte. Das war noch mal was ganz anderes. Vielleicht noch ein Wort zum Thema Sprache. Denn Sprache selbst ist ja auch ein Thema im Roman. Parlatorium kommt zum Beispiel im Roman als Wort des Tages vor. Es bezeichnet den Raum in einem Kloster, in dem ausnahmsweise gesprochen werden darf. Die Ähnlichkeit von „Parla-“ und Karla ist dabei nicht zu übersehen. Welche künstlerische Bedeutung hat Sprache für dich? Wir sprachen schon über deine ersten Jahre und das Aufwachsen mit den verschiedenen Sprachen, wie man eine Sprache wahrnehmen und für sich entdecken kann. Doch wie steht es um die künstlerische Dimension? Transportiert Sprache in der Literatur wie auch im Alltag für dich einfach Inhalte. Oder ist sie für dich selbst ein Ding an sich, ein Gegenstand mit eigenem Sein, wie es die experimentelle Literatur sieht?
Kristina Schilke: Ich glaube, da sitze ich zwischen den Stühlen. Also ich bin sehr genervt, wenn Sprache nur dafür genutzt wird, Informationen zu überbringen. In Sachtexten ist mir das klar. Da geht es um Lesbarkeit und ich freue mich schon, wenn keine Fremdwörter verwendet werden. Wenn in der Literatur gelegentlich nur eine Information überbracht wird, ohne dass irgendein sprachliches oder ästhetisches Spiel beginnt, bin ich schnell genervt davon. Ich kann auch nur sehr schwer mit einer Verhunzung von Sprache umgehen. Das ist ein Fun Fact bei mir: Wenn ich etwas Alltagspraktisches wissen möchte – zum Beispiel: „Wie entferne ich Flecken aus dem Pullover?“ – dann würde ich das niemals auf Deutsch in einer Suchmaschine eingeben. Denn dann werden mir unzählige Seiten von Frauenmagazinen angezeigt, die meiner Meinung nach die Sprache nicht ernstnehmen. So etwas suche ich nur auf Englisch. Wenn etwas auf Englisch sprachlich verhunzt wird, macht mir das nichts aus, weil ich keine emotionale Bindung zum Englischen habe. Deswegen habe ich mittlerweile einen recht großen englischen Wortschatz.
Ich besetze aber auch nicht das andere Extrem. Sprache nur um der Sprache willen und wegen der Sprachspielerei – da bin ich dann auch sehr ungehalten. Das lässt Lesende in keiner guten Position zurück. Die Lesenden werden nicht ernstgenommen. Sprache nur experimentell zu nutzen – das interessiert mich überhaupt nicht. Beim Überarbeiten meiner Texte mache ich mir sehr genaue Gedanken: über jedes Adjektiv, jedes Komma, ob dieses Wort passt oder jenes. Ich arbeite auch mit einem kleinen blauen Synonymwörterbuch von Duden – also ein physisches und gedrucktes Buch, nichts aus dem Internet. Denn manchmal ist „gehen“ eben nicht gehen oder „trippeln“ ist manchmal nicht trippeln, sondern etwas anderes, das durch ein anderes, genaueres Wort bezeichnet wird. Ich will wirklich das genaue Wort finden.
Man kommt dadurch auf ganz neue Ideen für eine Beschreibung. Ich finde es interessant, dass du das Wort Parlatorium erwähntest. Als ich die Szene schreiben wollte, kam mir kein Wort in den Sinn, das ich hätte verwenden können. Ich hatte dann in einem umfangreichen gelben Dudenband per Zufall eine Seite bei „P“ aufgeschlagen – und traf dadurch genau dieses Wort! Ich dachte: Das kann doch nicht wahr sein! Das wird mir niemand glauben, dass ich aus reinem Zufall auf dieses Wort stieß, das so aussieht, als hätte ich zwei Wochen dafür recherchiert.
Andreas Urban: „Alles was lebt“ ist dein erster Roman und du hast eine gewisse Entwicklung als Autorin hinter dir. Wie möchtest du dich in Zukunft weiterentwickeln? Möchtest du neue Formen ausprobieren und literarische Felder erkunden? Oder hast du eher einen Stil gefunden, den du beibehalten möchtest? Oder wird sich dein Stil eher von der nächsten Geschichte her entwickeln?
Kristina Schilke: Ich glaube, der Schreibstil entwickelt sich immer weiter. Ich schreibe gerade an einem neuen Roman und zwischendrin auch an neuen Erzählungen. Die letzte hatte ich im Dezember 2025 fertiggestellt. Im Mai wird eine Erzählung von mir in der Anthologie „Auf gute Nachbarschaft“ (Diogenes Verlag) erscheinen. Und Ende April erscheint in der Zeitschrift „Schöner Bayerischer Wald“ ein Essay. Es ist ein sehr persönlicher Essay von mir über Grafenau, das dieses Jahr 650 Jahre alt wird.
Was ich schon immer ausprobieren wollte und was mir wichtig ist, das ist ein Kinderbuch. Ich habe auch ein Faible für Krimis und ein Traum von mir ist es, den fast perfekten Krimi zu schreiben – fast perfekt, denn perfekt wäre ja langweilig. Es wäre ein literarischer Krimi, den ich auch unter meinem Namen veröffentlichen würde, nicht unter einem Pseudonym. Das Kinderbuch genauso. Mein Sohn ist jetzt vier Jahre alt und ich lese ihm Geschichten vor. Mich reizt allein schon der Gedanke, Leser so früh zu packen wie ich es bei meinem Sohn beobachte – niemand ist ja begeisterungsfähiger als ein Kind. Aber das ist Zukunftsmusik. Wie gesagt, aktuell schreibe ich an einem neuen Roman. Und auch an neuen Erzählungen.
Andreas Urban: Deine Pläne sind vielfältig – für Spannung ist gesorgt. Vielen Dank, dass du dir Zeit für unser Gespräch genommen hast.
Kristina Schilke: Ich fands sehr interessant. Deine Fragen gehen für mich als Autorin so sehr in die Tiefe, ich danke dir herzlich dafür.
Andreas Urban: Merci.
Der folgende Link führt zu meiner Rezension von „Alles was lebt“:
https://www.urbslit.de/erde-wem-ehre-gebuehrt-kristina-schilke-alles-was-lebt-2025/
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