… alt sein hingegen sehr? Denise Buser: „Die Altenboomer“ (2025)

Die Gesellschaft wird immer älter. Eine ganze Generation an Babyboomern strömt ins Rentensystem. Eine soziale Belastungsprobe. Und die Personen, um die es dabei geht? Die Rentner und Rentnerinnen? Was tun, wenn im Alter Gewohnheiten wegbrechen und sich Lebensumstände ändern? Wie umgehen mit der neuen Lebenssituation? Diesen Fragen widmet sich Denise Buser in ihrem jüngsten Buch „Die Altenbooomer. Was das Leben jetzt verspricht“.

Die Fragen sind berechtigt. Nach dem aktiven Berufsleben winken neue Freiheiten und eröffnen sich unverhoffte Möglichkeiten. Nach dem Motto: Alt werden ist nicht schwer, alt sein hingegen sehr, entwickelt die Baslerin Denise Buser in ihrem lesenswerten Buch wundervolle Tipps fürs Alter. „Die Altenboomer“ aus dem Zytglogge Verlag ist eine reich sprudelnde Quelle der Inspiration für Senioren und Seniorinnen.

Buser versprüht Optimismus. Die Frage, was nach Jugend und Berufsleben nur werden solle, versteht sie als einen Akt der Befreiung. Ihre optimistische Lesart des Rentnerdaseins teilt sie in drei große Blöcke, von denen vor allem der erste überzeugt.

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In der „Vergänglichkeit im Bild“ widmet sie sich der Kunstgeschichte und entnimmt Werken der Malerei praktische Erkenntnisse fürs Thema. Das gefällt. Dass Bildung mit Bildern beginne, ist nichts Neues und deswegen ein geglückter Kunstgriff. Busers Bildbeschreibungen leisten als Auftakt zur Thematik sehr viel. Bilder liefern Geschichten und können öffnen, was tief in uns ist. Dazu aufzurufen und im Alter die verborgenen Schätze in sich selbst zu heben, ist ein Verdienst des Buches. Busers Bildbeschreibungen sind ausgedehnt und zugleich pointiert und anregend. Das Buch wird zum Bildergewinn.

Die beiden darauffolgenden Hauptkapitel (über Filme/Opern bzw. Politik/Glaube) handeln die vorgestellten Thesen da schon schneller ab. Sie inspirieren nicht mehr in gleicher Weise wie das erste Kapitel. Vor allem das dritte über Politik/Glaube wirkt im Gegensatz zum starken Auftakt recht kurz angebunden. An die (auch sehr authentisch wirkende) Tiefe des ersten Kapitels reicht es nicht heran.

Für das gesamte Buch gilt: Die fein ausgewählten Zitate von Autoren wie Schiller, Seneca oder Cicero lesen sich bestens. Überhaupt werden Deutschland um 1800 und die römische Antike zu häufig gewählten Referenzen. Die Zitate funktionieren als Anregung, führen Lesende kompetent zum Thema. Noch stärker wird das Buch allerdings dort, wo Buser von sich selbst schreibt, wo sie ihre eigenen Alltagsbeobachtungen einfließen lässt oder Szenen von Menschen im Alter vor dem geistigen Auge erstehen lässt. Dann spricht sie auf Augenhöhe mit den Lesenden. Eine klare Stärke des Buches. An Stellen wie diesen switcht das Buch vom Monolog zum Dialog. Und als wäre man bei den beschrieben Szenen live dabei.

Mit ironischem Augenzwinkern nimmt man jene Stellen wahr, an denen historische Bedeutungsebenen von Wörtern aufgefächert werden – oder anders gesagt: das Alter der Wörter. Mit dem etymologischen „Deutschen Wörterbuch“ der Brüder Grimm hat sie die stiladäquate Quelle für ihr Thema gewählt.

Überhaupt fällt die Übereinstimmung von Inhalt und Form auf: Buser mäandert in ihrer wundervollen Schreibweise genauso durch die verschiedenen Aspekte des Themas, wie sie dies auch im Altersgang zu tun empfiehlt. So entsteht – zum Glück! – mehr als ein Sachbuch. Der Aufruf zu mehr Müßiggang, Gelassenheit und Entspanntheit im letzten Lebensabschnitt ist nicht nur das Credo des Buches – durch die gewählte Schreibweise entsteht auch ein Gefühl dafür. „Alles ist Welle“, heißt es denn auch (S. 77). Den „Ritt nicht auf, sondern mit den Wellen nenne ich das Seemannsrezept“ (S. 78). Es sei ein „Lebensrezept […], um Dinge durchzustehen, die ich nicht ändern kann“. Solche Thesen vermittelt das Buch vortrefflich.

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„Die Altenboomer“ versprüht von der ersten bis zur letzten Seite positive Energie. Nicht die Verluste, die mit dem Altwerden einhergehen, gelte es zu sehen, sondern das, was auf der Habenseite stehe. Dinge gehen lassen, Gelassenheit einüben. Ein weiterer Rat lautet, Wünsche zu formulieren statt Ängste. Dies stärke die eigene Position. „Dann bleibt die Macht in meiner Hand, zum Beispiel die Macht über mein Lächeln“ (S. 72). Das ist gut.

Mit ihrem Buch „Die Altenboomer“ drängt Buser auf die richtige innere Einstellung und rät, „vom Jammern zum Jubeln“ zu kommen (S. 95): Zum Jubel gehöre die Schmerzfreiheit, zum Jammern die Schreibfertigkeit, sodass es für Buser eine unbedingte Empfehlung ist, Tagebuch zu führen. Das befreie von Schmerzen. Ebenfalls gut. Ein wenig schlägt jedoch ins Kontor, dass Auseinandersetzungen mit der Literaturgeschichte dann rar gesät sind. Als Bekenntnis zur Wirkkraft der Sprache hätte es die These stützen können.

Auch anderes ließe sich einwenden. Zum Beispiel, ob das Buch nicht etwas voraussetze, was es anschließend kritisiere oder richtigzustellen versuche. Wieso sollte das Alter denn überhaupt so negativ gesehen werden, wie im Buch wiederholt zu lesen ist? Auffällig auch die durchgehende Abgrenzung des Alters gegen die Jugend. Braucht es diese Relativierung? Das Alter müsse man erklären, heißt es, die Jugend könne man leben. Warum sollte man das Alter nicht genauso leben?

Buser beginnt ihr Buch charmant und strategisch klug mit Bildern. Den Bilderüberstieg als höchste Bildungsstufe – es gibt Romane, die davon erzählen, und auch eine Philosophiegeschichte, die das tut – erreicht der lebenspraktische Essay natürlich nicht. Das mag auch nicht das Ziel dieses äußerst pointiert geschriebenen Buches gewesen sein. Schade aber, dass am Ende dennoch so hoch gegriffen wird: An ein Jenseits wird geglaubt, wie eine Passage mit Cicero zeigt. Auch der Tod als Rückkehr in den Ursprung, jene platonisch-christliche Denkfigur, wird angedeutet. Mit der Todesthematik schließlich kehrt Metaphysik ins Buch. Diese Narrative, dieses Storytelling hätte es nicht unbedingt gebraucht.

Es wäre nun wohlfeil zu sagen: Wer die Karte Storytelling spielt, hätte gern stärker die Literatur einbeziehen dürfen, die in „Die Altenboomer“ unterrepräsentiert wirkt. Aber das wäre unfair. Ist auch gar nicht nötig. „Die Altenboomer“ ist ein gut geschriebenes – und im Übrigen bestens lektoriertes – Buch, das für eine ganze Generation wertvolle Anregungen bereit hält: Für eine Generation, die sich gerade von den Babyboomern zu den Altenboomern wandelt.