„Es gibt auch ein schönes Verwelken.“ Denise Buser im Interview

Frau Buser, Ihr Buch „Die Altenboomer“ beginnt mit einem recht ausführlichen Kapitel. Die Kapitel danach fallen durch ihre Kürze auf. Steckt hinter dieser formale Frage eine tiefere Bedeutung?

Ja, tatsächlich. Das habe ich so angelegt, weil die Zeit im dritten und letzten Lebensabschnitt auch immer kürzer wird. Das ist ja das Charakteristikum des Alters: Die Zeit schmilzt dahin. Wenn man 18 ist, weiß man auch schon, dass die Zeit vergeht, aber es ist noch ein eher abstrakter Gedanke. Und im Alter hat man plötzlich begriffen: die Jahre sind nun wirklich gezählt. Was natürlich gleichzeitig bedeutet: Es lohnt sich nicht (mehr), sich über Unwichtiges aufzuregen. Mit den immer kürzer werdenden Kapiteln gegen das Ende des Buches hin, wollte ich in dieses spezielle Zeiterleben einstimmen.

Dass die verbleibende Zeit immer kürzer wird, ist eben eine sehr abstrakte Vorstellung. Das geht vor allem in der Zeit vor dem Ruhestand, im Berufsleben, komplett unter.

Mir kommt dazu ein Beispiel in den Sinn. Als ich etwa 60 Jahre alt war, hatte ich einen schlimmen Fahrradunfall. Zwei Narben im Gesicht habe ich davon getragen und ein Stück des Vorderzahns ist mir abgebrochen. Ich hatte „mit dem Gesicht gebremst“, wie mein Neffe das damals ausgedrückte.

Da ging mir zum ersten Mal durch den Kopf: „Also wenn mir das früher passiert wäre, dann hätte ich diese Unfallfolgen durchs ganze Leben tragen müssen.“ Der Gedanke half mir, die sichtbaren Narben im Gesicht irgendwie zu akzeptieren. Ich will damit sagen: Aus der Relativität des Zeitvorrats kann man auch Gelassenheit schöpfen.

Hat sich Ihr Bild vom Tod im Laufe der Zeit geändert? Begannen Sie erst im Alter ans Sterben zu denken?

Nein, mit dem Tod habe ich mich mein ganzes Leben auseinandergesetzt. Das ist ja auch ein großes Thema in der Literatur. Ich finde es inspirierend, über diese seltsame Harmonie zwischen dem Leben und seinem Ende nachzudenken. In manchen Momenten sehe ich den Tod auch als eine Art Heimat. Das klingt vielleicht etwas krass. Aber schon jetzt zu Lebzeiten habe ich meine Heimat immer dort gesehen, wo ich mich wohlfühle, und wo die Menschen mir wohlwollen. Das kann an den unterschiedlichsten Orten sein. Eben auch dort, wo alle Sorgen und Plagen ein Ende haben. In dieser Heimat warten ja immer mehr Leute auf einen – also ich meine das natürlich im übertragenen Sinn.

Würden Sie denn sagen, dass Sie religiös sind und christliche oder buddhistische Bezüge haben?

Nein, also nicht im konfessionellen Sinn. Ich habe mich zeitlebens mit transzendenten Kulturauffassungen, also Religionsthemen, beschäftigt, einfach weil ich mich schon immer für die wichtigen Menschheitsfragen interessiert habe, aber ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. Aber die Trostangebote der Religionen können schon hilfreich sein, ohne dass man im religiösen Sinn gläubig ist. Ich habe das im Essay ausführlich beschrieben.

Als Idee hat der Tod eine ganz große Stärke.

Genau. Wie wäre es, wenn wir den Tod nicht hätten? Das könnte leicht zum Albtraum werden. Es gibt ja diese griechische Legende von Aurora, der Göttin der Morgenröte. Sie hatte einen jungen Liebhaber und verlangte von Zeus Unsterblichkeit für ihn. Sie selbst war ja als Göttin unsterblich. Aber sie hatte neben der Unsterblichkeit vergessen auch um ewige Jugend für ihn zu bitten. Und dann ist er alt und älter und noch älter geworden bis er auf die Grösse einer Grille schrumpfte. Also der Tod hat auch eine erlösende Seite.

Sie erwähnen einen Mythos. Die Auseinandersetzung mit Mythen, Texten und der Literatur hat mir in den Altenboomern etwas gefehlt.

Das war ein bewusster Entscheid. Ich wollte keine „Zitatensammlung“ rund um das Thema Alter schreiben, sondern habe einen anderen Weg gesucht. Dabei bin ich auf die Idee gekommen, einen Blick darauf zu werfen, ob und wie das Alter in der Kunst dargestellt wird.

Ein paar Autoren haben es dennoch ins Buch geschafft. Cicero zum Beispiel.

Cicero und Seneca haben sich auf sehr interessante Weise mit dem Alter auseinandergesetzt. Speziell ist jedoch, dass beide das Alter gar nicht bzw. nur sehr kurz erlebt haben. Beide sind in ihren Sechzigern unfreiwillig zu Tode gekommen. Cicero, der zu seiner Zeit in die Politik involviert war, wurde auf der Flucht von seinen politischen Gegner ermordet. Und Seneca, der Lehrer von Nero, musste ja den Giftbecher trinken. Er ging Nero auf die Nerven, so ähnlich wie ein Vater, der zu moralisch ist. Bis Nero ihn zwang, sich selbst zu töten. Das ist mir sehr nahe gegangen. „Mein Gott, jetzt bin ich in diesem Alter – aber eine privilegierte Altenboomerin.“

Wann hatten Sie angefangen, sich mit dem Buch zu beschäftigen? Wie entstand die Idee zum Thema?

Das hat ganz banal angefangen. Der Verlag sagte mir: „Du könntest doch ein Buch über das Alter schreiben.“ Da hab ich hinter mich geschaut und gedacht: Die meinen jemand anderes, eine andere alte Frau, die hinter mir steht. Aber da war niemand (lacht). Sie meinten mich! Ob ich dafür die richtige Person bin, ging mir dann noch durch den Kopf.

Und dann kam es zu einem glücklichen Zufall, weil ich sechs Wochen nach Berlin gehen konnte. Ich wohnte dort in einer Einzimmerwohnung, die geht auf einen Friedhof hinaus. Die ganze Szenerie war ungewöhnlich. Jeden Mittwoch fanden Beerdigungen statt. Das war wie in einem Theaterstück! Und dahinter war eine Schule, von wo aus Jugendliche und ihr unübertroffenes Jauchzen zu hören waren. Leben und Tod im Überblick sozusagen. Ich hatte ein grosses rotes Heft vor mir und begann mit meinen Notizen und kam bald in den Schreibfluss. Plötzlich drehte sich alles nur noch um die Frage: Ich werde alt – und was mache ich nun am besten daraus?

Diesen Schreibfluss beim Entstehen, den merkt man dem Buch an. Ich mag ja Romane oder Bücher in Collageform: einzelne Situationen, die wie Spotlights auftauchen, ins Leben hineinleuchten und beim Lesenden in voller Bedeutung aufblühen. Das merkt man dem Buch an, dass einzelne Themen und Thesen wie in einem Bewusstseinsstrom ins Buch hineinflossen.

Danke für die schöne Beschreibung. In der zweiten Phase habe ich natürlich die uferlosen Notizen strukturiert und alles minutiös nachgeprüft und weiter recherchiert. Aber zuerst wollte ich sicher sein: Habe ich zu diesem (alten) Thema etwas Neues zu sagen? Ich dachte, wenn das Thema nicht zu mir kommt, dann lasse ich das.

Ja, das verstehe ich, dass man gewissermaßen erst warm werden möchte mit dem Thema. Haben diese Entstehungsbedingungen Einfluss darauf gehabt, dass in dem Buch nur Menschen vertreten sind, die sich als weiblich identifizieren?

Sie sind jetzt der Erste, dem das auffällt! Aber ja, es war wirklich eine bewusste Entscheidung von mir. Ich bin ja von Haus aus Juristin und setze mich seit Jahrzehnten mit Geschlechtergleichstellung auseinander. In meinem beruflichen und privaten Leben habe ich sehr viele, sehr gute Bücher von Autoren gelesen, in denen zur Hauptsache männliche Akteure auftreten. Wie fast alle Lebensbereiche war und ist auch die Literaturgeschichte und die Wissenschaft männlich geprägt, auch wenn sich das seit einigen Jahren ändert. Mit meinem eigenen Alter vor Augen habe ich mir dann gedacht: „So, und jetzt schreibe ich mal ein Buch über das Alter, das zwar beide Geschlechter meint, in dem aber als Beispiele und Vorbilder Frauen vorkommen.“ Es geht mir dabei nicht um die Frage, ob das Alter von Männer und Frauen anders erlebt wird. Um diese Frage seriös zu beantworten, braucht es ExpertInnen aus der Soziologie und Geriatrie. Persönlich glaube ich, dass die Auseinandersetzung mit dem Alter für beide Geschlechter eine grosse Herausforderung ist. Und bei der Arbeit am Buch ist mir manchmal aufgefallen, dass einige Männer sich sehr ungern als alt bezeichnen.

Tatsächlich?

Ja, also kürzlich hat mir ein Freund, ein Lyriker im Alter von 72 Jahren, gesagt: „Ich hab große Mühe mit dem Alter. Früher war ich ein richtiger Draufgänger.“ Bitte was?! Er ist Lyriker. Und ein Draufgänger? Ich sagte zu ihm: „Also vom Draufgänger habe ich bisher nichts gemerkt. Hat denn deine lyrische Schaffenskraft abgenommen?“ – „Nein, im Gegenteil, ich habe jetzt fast noch mehr Inspirationen.“ Ja wie kann er dann sagen, dass er Mühe mit dem Alter habe, wo ihm etwas geschenkt wird? … Und dann sagte er plötzlich: „Okay, ich nenne mich von jetzt an einen alten Bummler.“ Alter Bummler statt Altenboomer, sein Wortspiel mit meinem Buchtitel fand ich witzig.

Legen wir zu viel Gewicht aufs Berufsleben? Ist es quasi als eine These Ihres Buches zu verstehen, dass wir uns zu sehr auf den Beruf konzentrieren?

Also man kann natürlich sagen, alle diese Dinge, die ich für ein gelassenes Alter vorschlage – spazieren gehen, die kleinen Freuden zelebrieren, anderen Menschen zuhören – das könnte man ja alles vorher schon machen. Aber dafür fehlt die Zeit. Ich würde jetzt auch nicht einem Menschen von 40, 50 Jahren empfehlen: Ja fahr doch mal runter, geh mehr spazieren, setz dich nicht so dem Stress aus. Nein, es gibt eine Zeit, um auch mit Volldampf durchs Leben zu gehen.

Mich hatte gewundert, warum im Buch immer vorausgesetzt wird, man könnte sein Leben lang zu viel gearbeitet haben und jetzt komme ein Bruch – und erst dadurch hätte man Zeit dazu. Die Arbeitsmodelle werden sich in der nahen Zukunft sicherlich ändern.

Ja, ich denke für meine Generation lag der Hauptakzent schon auf dem Erwerbsleben, wobei ich die Carearbeit in der Familie beim traditionellen Modell (das zu meinen Zeiten noch stark verbreitet war) auch dazu zähle. Die Diskussion um flexible Arbeitsmodelle stand noch sehr am Anfang. Man verstand darunter vor allem die Möglichkeit von Teilzeitarbeit für Frauen, damit sie außerdem noch die Familienarbeit bewältigen konnten.

Wenn die Arbeitsmodelle, die heute zur Debatte stehen, wirklich dazu führen, dass wir mehr Gelassenheit in unser Leben bringen können (also diese nicht fürs Alter aufsparen müssen), dann würde ich das sehr begrüßen.

Die „Altenboomer“ möchten Inspiration versprühen. Die Frage hingegen, wie das soziale System auf die große Anzahl an Pensionären reagieren sollte, wird ausgeklammert. Sind gesellschaftliche Fragen ein mögliches Thema für weitere Veröffentlichungen?

Man darf sicher nicht vergessen, dass die Babyboomer zur jener Generation gehören, die ein ganzes Berufsleben lang in das soziale System eingezahlt haben. Und die Elternteile, die sich um die Kindererziehung kümmerten, hatten noch keine außerhäusliche Kinderbetreuung zur Verfügung, da diese Infrastruktur erst ausgebaut werden musste. Viele Mütter (die traditionelle Rollenverteilung wurde noch großgeschrieben) sind zudem nach den Kinderjahren wieder in die Berufswelt eingestiegen. Aber klar, durch die gestiegene Lebenserwartung steigen auch die Rentenauszahlungen.

Was diese noch fitte Altenboomer-Generation an ehrenamtlichen Aufgaben übernimmt, denken wir nur an den so wichtigen Großeltern-„Job“, lässt sich allerdings auch sehen. Es gibt praktisch niemanden in meinem Bekanntenkreis, der oder die sich nicht noch sehr nützlich macht, z. B. als Sprachhilfslehrer für Menschen mit Migrationshintergrund, als Mithelfende in sozialen Vereinen, als ehrenamtliche Kulturveranstalter etc. Ich bin überzeugt, dass sich die meisten Altenboomer über ihre gut abgesicherte Existenz im Alter bewusst und dafür dankbar sind. Für viele ist das sicher auch ein Grund, sich weiterhin für das Gemeinschaftswohl einzusetzen.

Auf der anderen Seite dürfen wir die Altersarmut nicht vergessen, von der vor allem Frauen mit Brüchen in der Ehebiografie betroffen sind. Die finanziellen Risiken der traditionellen Rollenteilung wirken sich bis ins Alter aus. Einen guten Umgang mit bescheidenen Mitteln im Alter zu finden – damit habe ich mich im Buch befasst.

In den Altenboomern kommt die Sprache auch auf negative Altersbilder. Warum kommt das Alter in der Gesellschaft, aber auch bei den alten Menschen selber so schlecht weg?

Ja, also wir waren doch alle mal „jung und schön“ … und dann sieht einem eines Tages jemand aus dem Spiegel entgegen und man denkt: Auweia! Gleichzeitig gibt es dieses Angebot an ästhetischen Operationen. Und von da an ist es nicht mehr weit zur gesellschaftlichen Vorstellung, dass das Älterwerden irgendwie versteckt werden muss. Ich denke immer, wieso denn? In der Natur sieht man doch, dass es auch ein schönes Verwelken gibt. Trotzdem bewerten wir alt werden negativ. Womit hängt das zusammen? Ich glaube, es hat damit zu tun, dass das Leben mit einem grossen Widerspruch, manche sagen auch: mit einem Skandal untrennbar verknüpft ist – und das ist der Tod.

Es ist schwierig, unsere Endlichkeit zu akzeptieren. Und hinzu kommt, dass man beim Älterwerden eine Art Lebensbilanz zieht. Und weil es auf das Ende zugeht, besteht dabei die Gefahr, dass der Gedanke an Verpasstes überwiegt. Selbst wenn man ein relativ gutes Leben oder ein Leben mit ein paar Mini-Erfolgen hatte, tendiert man an Herbst- oder düsteren Regentagen dazu, das Fazit zu ziehen, wie banal und viel zu kurz das eigene Leben war. Aber damit vermiest man sich auch noch die letzten Jahre, wie es ein Freund von mir so treffend formulierte. Also warum nicht auch an die großartigen Momente denken, für die sich alles gelohnt hat. In den „Altenboomern“ habe ich versucht, die Anzahl meiner Glücksstunden zu addieren und ich bin auf sage und schreibe 1,5 Jahre reines Glück gekommen. Ich finde, das Alter ist die richtige Zeit, um in seinen Erinnerungen den Fokus ab und zu auch auf die tollen Lebensmomente zu richten. Im Buch habe ich das mit vielen Beispielen gezeigt und auch beschrieben, wie man mit weniger guten Erinnerungen umgehen kann.

Gegen Ende des Buches werden Sie spirituell. Von Pflichten oder auch von inneren Bildern ist die Rede. Warum ist das so? Diese Wendung kam für mich etwas überraschend.

Der Tod ist ja auch ein Tabuthema. Das ist mir bei der Arbeit am Buch immer wieder klar geworden. Ich mag es, über alles zu reden oder mindestens nachzudenken. Aber manche können das nicht und das muss man respektieren. Trotzdem wollte ich bei den Lesenden Bilder aufrufen. So habe ich von meinem persönlichen Umgang mit Abschied, Tod und eben auch mit spirituellen Gedankenwelten erzählt. Ich glaube, man kann die Angebote der Religion auch nutzen, wenn man selber nicht gläubig ist. Kirchen und andere Sakralhäuser haben etwas Tröstliches, auch wenn man sich nur einmal eine halbe Stunde in ein schön geschmücktes Kirchenschiff oder eine stille Dorfkapelle setzt. Das gilt übrigens auch für die Sakralhäuser anderer Religionen. Zudem sind es oft auch Orte bzw. Bauwerke von grosser Schönheit.

Es ist schon so, wenn man so langsam auf dieses letzte Datum zuschwebt, kann einem ein Sonnenstrahl, der durch eines dieser wunderschönen farbigen Glasfenster fällt, in eine versöhnliche Stimmung versetzen.

Man kann ja – und das ist das Tolle im Alter – alle diese Etiketten „religiös“, „nicht religiös“, „atheistisch“ etc. weglassen. Das heißt, die Dinge so nehmen, wie man es braucht, wie es einem guttut, wie es einfach stimmig ist.

Die römische Antike und das literarische Deutschland um 1800 sind im Buch wichtige Referenzquellen für Zitate. Gibt es einen Grund dafür, dass gerade diese beiden Epochen so wichtige Eckpunkte sind?

Ich wollte ja keine große Bücherliste machen. Aber die nur wenige Seiten umfassenden Schriften von Cicero über das Alter und von Galen über die Gelassenheit wollte ich unbedingt erwähnen, weil man sie während der Wartezeit in einer Arztpraxis lesen kann. Die Briefsammlung von Seneca ist zwar schon ein Wälzer, aber man kann immer nur einen der nicht sehr langen Briefe aufs Mal lesen. Diese Werke sind vor rund 2000 Jahren geschrieben worden und immer noch aktuell. Im Buch habe ich das so zu vermitteln versucht, indem ich ein fiktives Interview mit dem Arzt und Philosophen Galen führe.

Und dann habe ich noch einmal Anna Louisa Karsch (1722–1791) auftreten lassen, die ich bereits in meinem vorigen Buch „Dichten gegen das Vergessen – Lyrikerinnen aus zwei Jahrtausenden“ behandelt habe. Während es im Dichterinnen-Buch um ihre aufsehenerregende Karriere von einer Kuhhirtin zur gefeierten Dichterin in Berlin ging, analysierte ich in den „Altenboomern“ ihr Altersbildnis, auf dem der Maler die abgeklärte Greisin verewigt hat, der so etwas wie ein „Je ne regrette rien“ ins Gesicht geschrieben steht. (Sie selber hat wohl nicht Französisch gesprochen, aber Friedrich der Grosse, der sie einmal zu einer Audienz empfangen hat, parlierte bekanntlich lieber auf Französisch.) Mir gefiel der Gedanke, eine kleine Verbindung zu meinem vorigen Buch herzustellen. Als ob es einen roten Faden in meinem Schreiben gebe – und vielleicht auch in meinem Leben. So richtig kann man das erst im Alter erkennen – eine weitere kleine Wunderkammer im dritten Lebensabschnitt.

An Ihrem Buch hat mich die Etymologie fasziniert, weil sie zum Thema passt: die Altenboomer und das Alter der Wörter. Ist die Etymologie ein grundsätzliches Interesse von Ihnen? Blättern Sie gern im Grimmschen Wörterbuch?

Das ist eine schöne Beobachtung von Ihnen, also das Interesse von älteren Jahrgängen am Alter bzw. der Herkunft von Wörtern. Dass das Grimmsche Wörterbuch, begonnen 1838 von Jakob und Wilhelm Grimm, heute digital zugänglich ist, habe ich erst bei der Recherche für das Buch herausgefunden. Es macht wirklich viel Spaß, dort herumzustöbern und gleichzeitig ist es noch ein bisschen Weiterbildung. Zum Beispiel wie sich der Begriff „peinlich“ im Laufe der Zeit von „Pein“, Schmerz bis zu einem Gefühl der Verlegenheit entwickelt hat.

Aber es gibt auch den umgekehrten Weg. Ich propagiere ja im Buch, dass man den Kontakt zu jüngeren Menschen – ganz jungen oder nicht mehr so jungen – weiter pflegen soll. Und wenn man dann noch die Rolle der Zuhörerin beachtet, ist man bei der Entstehung von neuen Wörtern direkt dabei: Klimakleber, bienenfreundlich … und peinlich heißt jetzt „cringe“ … Beim nächsten Treffen werde ich meinen Neffen fragen, wie er einen unerwartet witzigen Moment benennt, der so einen kleinen Dreh ins Geistreiche und Lustige zugleich hat. Mit einem Emoji? Oder mit dem Kürzel LOL, das ich neuerdings mit Bleistift am Rand eines Buches bei einer genialen Humorstelle hinkritzle?

Denise Buser liest am 23. Februar 2027 um 20 Uhr in Riehen im Kellertheater im Haus der Vereine noch einmal aus ihrem Buch „Die Altenboomer“.

Zu meiner Rezension von „Die Altenboomer“:

https://www.urbslit.de/alt-sein-hingegen-sehr-denise-buser-die-altenboomer-2025/